Illustration von Coronaviren und einer Uhr.

Welche Auswirkungen hat das Post-Corona-Syndrom? Und was empfiehlt ein Experte für die Nachbetreuung? Prof. Dr. Rembert Koczulla, Chefarzt am Fachzentrum für Pneumologie der Schön Klinik Berchtesgadener Land, Professur für Pneumologische Rehabilitation, hat Ihre Fragen beantwortet.

Was ist Ihr aktueller Wissensstand zu Long Covid beziehungsweise Post-Covid-Symptomen?

Wir haben festgestellt, dass bei Menschen, die an Covid-19 erkrankt waren, der weitere Verlauf sehr unterschiedlich ist. Zu den Post-Covid-Symptomen, die wir beobachten, zählen beispielsweise Muskelmassenverlust, eine eingeschränkte Lungenkapazität, kardiologische Probleme wie Herz-Rhythmus-Störungen, Geschmacks-und Geruchsverlust und auch neuropsychologische Probleme wie die komplexe FatiqueFatigue-Symptomatik, die auch in ein Chronic Fatigue Fatigue Syndrom (CFS) münden kann, das dann bei Patientinnen und Patienten nach sechs Monaten zum Tragen kommen kann. Das Symptom Fatigue Fatigue zeichnet sich u. a. durch belastende Müdigkeit aus, kann z. B. aber auch infolge von schlafbezogenen Atemstörungen mitgetriggert sein. Beim CFS treten auch Muskel-und Gelenkschmerzen auf. Zudem können  Einschränkungen des Kurzzeitgedächtnisses, der Konzentration und der Leistungsfähigkeit zu den Symptomen gehören. Rund 50 Prozent der Patientinnen und Patienten mit Long Covid haben nach sechs bis zwölf Monaten noch deutliche gesundheitliche Einschränkungen. Wie es nach eineinhalb oder zwei Jahren aussieht, können wir noch nicht sagen. Die Fatigue ist auf jeden Fall häufig.

Wie wird die ambulante Nachbetreuung sichergestellt? Was empfehlen Sie als Nachbetreuung?

Es muss einen primärversorgenden Arzt geben. Das kann ein Allgemeinmediziner sein, in spezifischen Fällen auch der Facharzt. In vielen Regionen kann hier aber die Infrastruktur ein Problem sein, weil nicht jeder gleichen Zugang zu Fachärztinnen und Fachärzten hat. Interdisziplinäre Diagnostik und Behandlung ist aufgrund des Symptomkomplexes in jedem Fall extrem wichtig. Eine Idee ist, spezielle Corona-Ambulanzen zu gründen. Hier ist die Herausforderung gegeben, dass diese natürlich nicht von jetzt auf gleich ins Leben gerufen werden können. Und wir haben eine sehr aufwändige Diagnostik, im Erstkontakt liegt sie durchschnittlich bei bis zu 60 Minuten. Das ist für die flächendeckende und auch ökonomisch tragbare Versorgung der Patientinnen und Patienten eine besondere Herausforderung. Wenn man in Betracht zieht, dass deren Zahl zunimmt, muss man feststellen, dass eine flächendeckende Post-Covid-Versorgung leider noch nicht in Sicht ist. Das gilt auch für die Früh-Rehabilitation: Zurzeit gibt es sehr viele Anfragen. Ich weiß von einer Kollegin – und auch bei uns ist es so –, dass Patientinnen und Patienten vor Ort nicht mit der Schnelligkeit aufgenommen werden können, wie wir alle es uns wünschen.

  • Im Interview mit Prof. Dr. Rembert Koczulla

    Prof. Dr. Rembert Koczulla ist Chefarzt am Fachzentrum für Pneumologie der Schön Klinik Berchtesgadener Land, Professur für Pneumologische Rehabilitation.

Kolleginnen konnten nach ihrer Erkrankung nicht mehr im Pflegebereich arbeiten, da sich die Arbeit als zu belastend herausstellte. Haben Sie Kenntnisse darüber, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass Pflegende in ihren Beruf zurückkehren können?

Allein die Muskelphysiologie regeneriert sich nicht innerhalb von zwei bis drei Wochen; erst nach sechs bis acht Wochen erfolgt wieder ein Zuwachs an Muskeln. Auch die FatiqueFatigue-Symptomatik stellt an vielen Stellen ein großes Problem dar, ebenso die Veränderungen, die wir an Lunge und Herz finden. Der Prozentsatz derer, die nach einer Erkrankung schnell wieder in den Beruf gehen können, ist gerade bei Intensivpatientinnen und -patienten nach kurzen Regenerationszeiträumen reduziert. Wir sprechen hier allerdings nur von Erfahrungen aus unserem Zentrum. Die Gründe dafür, warum Betroffene nicht in den Bereich der Pflege zurückkehren, sind also vielschichtig und liegen sicherlich nicht nur an der beruflichen Belastung, sondern vor allem auch an den Folgen der Erkrankung. Dies ist berufsunabhängig. Letztendlich muss es immer im Einzelfall analysiert werden.

Müsste man die stationären Reha-Zeiten aufgrund der hohen Bedarfe nicht verkürzen oder sehen Sie da wegen der komplexen Symptomatik – gerade auch, was die neurologischen Defizite angeht – keine Chance?

Das kann man nicht pauschalisieren. Einige brauchen – auch aufgrund ihrer Physiologie – lange Reha-Zeiten, andere kommen wieder dem Vereinssport nach und helfen sich hiermit gegebenenfalls selbst. Es gibt Patientinnen und Patienten, bei denen es beispielsweise um ein Trainingsdefizit geht und die mit einem digitalbasierten Konzept klarkommen, andere müssen ambulant betreut werden. Je diffiziler es wird, desto weniger digital sollte es laufen. Wir sollten das gesamte Spektrum anbieten und individuell schauen, wie man den Patientinnen und Patienten am besten helfen kann. Eine Früh-Reha macht aber in jedem Fall Sinn. Wir entscheiden nach medizinischer Notwendigkeit.

Wie können telemedizinische oder digitale Lösungen aussehen?

Vor Ort bieten wir bereits Video-Sprechstunden an. Außerdem versuchen wir, Apps weiterzuentwickeln. Diese Dinge muss man vorantreiben – gerade in einer Pandemie, in der man die gewohnten Dinge nicht mehr nutzen kann. Und das sollten Medizinerinnen und Mediziner machen – nicht allein Software-Entwickler, die sich mit der Thematik nicht immer auskennen. Gerade weil wir eine sehr individuelle Diagnostik und Therapie aufsetzen müssen, müssen wir sehr genau hinschauen, welche Patientinnen und Patienten mit welchen Mitteln am besten versorgt sind.

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Ob Pflegeeinrichtungen und -heime, ambulante Dienste, Krankenhäuser oder Arztpraxen: Die Ausbreitung des Coronavirus stellt eine große Herausforderung für das deutsche Gesundheitssystem dar – und zeigt einmal mehr, welche große Verantwortung mit dem Pflegeberuf verbunden ist. Hier finden Sie weiterführende Informationen zum Umgang mit der Erkrankung in der Pflege.