Demenz

Demenzsensibel pflegen

Marie leitet eine geriatrische Spezialstation für 16 Patientinnen und Patienten mit Nebendiagnose Demenz und Delir. Vor zwei Jahren organisierte sie die Arbeit für ihr Team völlig neu, indem sie den sogenannten personenzentrierten Ansatz einführte. Hier erzählt sie, wie sie ihr Team überzeugte und warum das neue Konzept erfolgreich ist – gerade auch in Zeiten von Corona.

»Marie, wie bringt man ein Team zur personenzentrierten Pflege?«

„Mit Transparenz, neuen Routinenund wertschätzendem Miteinander.“

Marie: »Als ich 2017 die Stationsleitung übernahm, bestand mein Team nur aus sieben jungen Gesundheits- und Krankenpflegekräften und einem Pflegehelfer. Das war sehr anstrengend, die Herausforderungen waren einfach nicht zu meistern. Unsere dementen Patientinnen und Patienten sind ja relativ mobil, eine Sitzwache reicht da nicht.

Ich verfolge einen personenzentrierten Ansatz nach Tom Kitwood, den ich während meines Studiums der Pflegewissenschaften kennengelernt hatte. Der Gedanke dahinter ist, dass Patienten in der Geriatrie sich viel schneller erholen, wenn sie neben all den anstrengenden Untersuchungen auch Spiel und Spaß und Ablenkung vom Tagesgeschehen haben. Sie sollten von Anfang an aufstehen. Ab dem Moment, wo sie nur liegen, werden sie nur jeden Tag kränker.

Während meiner Studienabschlussarbeit untersuchte ich in einer Meta-Analyse 215 Studien aus der ganzen Welt – zu den Stichwörtern Dementia, Hospital und Intervention, aus der Zeit ab 2012. Dabei fand ich heraus, dass es in einer geriatrischen Station Demenzbegleiter, Patientenbeauftragte und andere Fachleute braucht – nur dann wird sich auf der Station etwas ändern und ich kann die Station stärken. Ich wollte also eine Betreuungsassistentin einstellen. Erstmal war mein Team da absolut dagegen. „Was sollen wir mit jemanden, der nur mit den Patienten spielt?“ wurde ich gefragt.

Das Konzept musste ich erst einmal gut erklären. Da ich selbst sehr viel am Patienten arbeite und wenig im Büro, bin ich viel mit meinen Kolleginnen und Kollegen zusammen. Ich nahm mir die Zeit, jeder und jedem zu erklären, warum ich die Dinge anders machen möchte. Ich schaffte Transparenz zu Kosten und Aktenabrechnungen. Ich führte neue Routinen für die Auszubildenden und Praktikanten ein und engagierte mich für ein wertschätzendes Miteinander. Ich war dankbar für jeden, der vorschlug, mal einen Spaziergang mit einem Patienten zu machen.

Das führte zu einer ganz wunderbaren Kettenreaktion. Heute steht mein komplettes Team hinter dem aktivierenden Ansatz. Wir sind jetzt insgesamt 25 Personen, die Mitarbeiterzahl hat sich also mehr als verdreifacht. Seit zwei Jahren gibt es bei uns kein Personal-Leasing und keine Sitzwachekosten mehr. Die Barthel-Werte unserer Patienten bei Entlassung verbesserten sich durchweg, sie wurden selbständiger. Zudem habe ich ein Delirmanagement für einen besseren Umgang mit Patienten in einem desorientierten Zustand eingeführt. Das Team ist seither ausgeglichener, schätzt seine Arbeit mehr und die Krankentage sind gesunken. Und um Bewerbungen neuer Kolleginnen und Kollegen müssen wir uns auch keine Sorgen mehr machen, das läuft bestens.

Während den Besuchsverboten in der Corona-Krise machte sich unser Ansatz übrigens ganz besonders bezahlt: Gerade für ältere Menschen mit Nebendiagnose Demenz sind gewohnte Menschen in ihrer Umgebung ja der Schlüssel für ihre Genesung. Wir haben in dieser Zeit angefangen, noch mehr mit unseren Patienten zu lachen, Ablenkung und Spielzeit anzubieten, Blumen zu pflanzen und tägliche Anrufe zu organisieren.«