Sind denn die Positivbeispiele in der Arbeitswelt schon sichtbar genug?
Lina Gürtler: Noch ist es erfahrungsgemäß nicht so, dass die tollen Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber auch den stärksten Zulauf haben. Es gibt immer noch Kolleginnen und Kollegen, die in irgendwelchen Ecken in unserem Pflegesystem verharren und unglücklich sind, aber keinen Wechsel anstreben. Die Erfahrungen mit der Jobsuche nach ihrem Examen lassen sie auch jetzt noch glauben, keine neue Anstellung zu finden.
Christine Vogler: Es kommt jedoch langsam Bewegung in die Sache. Was wir auch nicht vergessen dürfen: Wir hatten bis vor ein paar Jahren einen großen Lohnunterschied zwischen ambulanter Versorgung, Langzeitversorgung und den Kliniken. Der gleicht sich mit der Tariftreueregelung langsam an. Jetzt stellen wir auch tatsächlich andere Bewegungen fest, aus großen Unikliniken zum Beispiel in die ambulante Versorgung, weil dort ebenfalls attraktive Verdienstmöglichkeiten bestehen. Zudem stellt man fest, dass qualitativ hochwertige Versorgung auch in anderen Bereichen stattfindet und abgerufen wird. Da ermöglichen uns die Lohnangleichungen, solche guten Bedingungen auch stärker zu betonen – weil man darunter besser und selbstständiger arbeiten kann, weil man entsprechend seiner Pflegekompetenz und dadurch auch autonomer arbeiten kann. Aber bis sich das in der Breite durchsetzt, vergeht zu viel Zeit, das muss schneller gehen.
Lina Gürtler: Was ich aber auch wahrnehme: Viele arbeiten gar nicht in dem Setting, wo sie sich als Pflegende am liebsten sehen. Es ist nicht so, dass alle nur auf einer Intensivstation arbeiten wollen. Doch hier ist die Finanzierung am besten, und als neuer Kollege oder Kollegin wird man tendenziell eher gut mitgenommen und schrittweise eingearbeitet. Natürlich hängt das mit dem Verständnis zusammen, dass mögliche Fehler auch sehr, sehr kritisch wären. Doch auch andere Bereiche brauchen eine hohe Qualität, selbst wenn es nicht primär um Leben und Tod geht. Viele, mit denen ich spreche, finden ambulante Pflege oder Langzeitpflege spannend. Deswegen ist es umso wichtiger, dass auch über die Ausbildung das Gespür für die Wertigkeit einzelner Pflegebereiche gestärkt und der Frage nachgegangen wird: Was für ein Pflegesetting interessiert mich? Wo habe ich das Gefühl, dass ich mit der Kompetenz, die ich mitbringe, eine gute pflegerische Versorgung leisten kann? Wir haben diese Vielfältigkeit in der Pflege, und diese muss die Oberhand gewinnen bei der Entscheidung, wo ich arbeite. Nicht nur, ob ich mit dem Schichtdienst klarkomme oder genug Geld verdiene.