Fachdialog Pflege

Fachdialog des PND diskutiert Berufsstolz und Sichtbarkeit der Pflege

Im zweiten Fachdialog am 9. Juni stand das Selbstverständnis der Pflege und die Kommunikation im Fokus: Wie sprechen Pflegende über ihren Beruf? Wie hängen Selbst- und Fremdwahrnehmung zusammen? Welchen Einfluss hat das auf Berufsstolz und Sichtbarkeit der Pflege? Aber auch: Was können Einrichtungen konkret tun, um die Kompetenzkommunikation von Pflegenden zu verbessern? Als Panelgäste dabei waren Prof. Michael Isfort, Professor für Pflegewissenschaft und Versorgungsforschung an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen sowie stellvertretender Vorsitzender des Vorstands des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung e.V. (DIP-Institut), Sonia Fietz, stellvertretende Pflegedienstleiterin und Landessiegerin Schleswig-Holstein im Wettbewerb „Deutschlands Pflegeprofi 2025“, Cornelia Reichardt, Bereichsleiterin Strategie Pflege und Bildung am Sana Klinikum Borna, sowie die Auszubildende Celina Barth.

Wortwolke zur Frage "Was macht Pflege stark". Häufigste Antworten Kompetenz, Selbstwirksamkeit, Haltung und Empathie.

Schon zu Beginn des Fachdialogs wurde deutlich, wie vielfältig die Stärken der Pflege sind. Die Teilnehmenden der Veranstaltung nannten in einer Live-Umfrage unter anderem Fachwissen, Empathie, Teamgeist, Kompetenz und Selbstwirksamkeit als zentrale Merkmale des Berufs.

 

Bild: Screenshot der Umfrage „Was macht Pflege stark" aus dem Fachdialog.

Abstimmungsergebnis auf die Frage "Warum sind Sie in die Pflege gegangen" . Häufigste Antwort ist, weil Pflege Fachwissen, professionelles Arbeiten und Nähe am Menschen vereint.

Cornelia Reichardt betonte insbesondere die Vielseitigkeit der Profession: „Pflege vereint psychologische und medizinische Kenntnisse, einen starken Teamgeist und die Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Rahmenbedingungen einzustellen.“ Gleichzeitig sei die Arbeit sinnstiftend, weil Pflegende Menschen oft über lange Zeiträume begleiten und Einblicke in vielfältige Lebensgeschichten erhielten.

Auch Prof. Michael Isfort verwies auf die hohe gesellschaftliche Wertschätzung des Berufs. “Pflege gehört zu den Berufen, denen die Bevölkerung besonders großes Vertrauen entgegenbringt. Gleichzeitig stellen Pflegende ihren eigenen Berufsstand und ihre eigenen Kompetenzen häufig kleiner dar, als sie tatsächlich sind.” 

 

Bild: Screenshot der Umfrage „Warum haben Sie den Pflegeberuf ergriffen" aus dem Fachdialog.

Motivation für den Pflegeberuf 

Die Beweggründe für den Einstieg in die Pflege waren ebenso vielfältig wie die Profession selbst. Für viele spielt der Wunsch eine Rolle, Menschen zu unterstützen und Verantwortung zu übernehmen. Andere schätzen die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten und die Sicherheit des Berufs.

Die Auszubildende Celina Barth berichtete, dass sie ursprünglich vor allem mit Kindern arbeiten wollte. Während ihrer Ausbildung habe sie jedoch entdeckt, wie abwechslungsreich die Pflege sei: „Durch die verschiedenen Einsätze habe ich gemerkt, dass mir auch die Arbeit mit älteren Menschen oder im Hospiz große Freude macht.“

Eine Live-Umfrage unter den Teilnehmenden bestätigte diesen Eindruck: Ein Drittel der Befragten gab an, sich für den Pflegeberuf entschieden zu haben, weil er professionelles Arbeiten, Fachwissen und die Nähe zu Menschen miteinander verbindet. 

Bild von Sonia Fietz
“Pflege ist für mich nicht einfach ein Beruf, sondern eine Haltung. Ich wollte einen Beruf ausüben, in dem Menschlichkeit, Verantwortung und Mitgefühl im Mittelpunkt stehen und in dem ich jeden Tag etwas Sinnvolles bewirken kann. Besonders wichtig ist mir, den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie nicht allein sind, Vertrauen haben können und jemand an ihrer Seite ist.”
Sonia Fietz, stellvertretende Pflegedienstleiterin der Villa Reinbek (Kursana)

Wie Sprache und Sichtbarkeit zusammenhängen

Prof. Isfort stellte im weiteren Verlauf des Fachdialogs einige Erkenntnisse aus dem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Projekt „Kompetenzkommunikation und Wertschätzung in der Pflege“ (KoWeP) vor. Das Projekt untersuchte, wie Pflegende über ihre Arbeit sprechen und welchen Einfluss dies auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung des Berufs hat. Ziel war es, Pflegefachpersonen darin zu stärken, ihre Expertise, den Wert ihrer Tätigkeit und die positiven Aspekte des Berufs selbstbewusst nach außen zu kommunizieren. Darauf aufbauend wurden Schulungsmaterialien und ein Handbuch entwickelt, mit denen sich Teams eigenständig weiterbilden können.

Die Projektergebnisse zeigen, dass die Kompetenzen von Pflegefachpersonen in der Öffentlichkeit häufig unterschätzt werden. So gaben mehr als zwei Drittel der befragten Auszubildenden an, dass ihr Umfeld überrascht sei, wie viel fachliches Wissen in der Pflegeausbildung vermittelt werde. Gleichzeitig stimmten 90 Prozent der beruflich Pflegenden der Aussage nicht zu, dass in der Öffentlichkeit ein realistisches Bild ihrer Arbeit vermittelt werde. 

Zu oft würden nur einzelne Tätigkeiten benannt, aber nicht die anspruchsvollen Beobachtungs-, Einschätzungs- und Entscheidungsprozesse, die hinter vielen pflegerischen Handlungen stehen. „Die Komplexität der Pflegesituation macht das Reden über den Beruf oft schwierig“, sagte Isfort. Erfolgreiche Kompetenzkommunikation bedeute deshalb auch, die Sprache an die jeweilige Zielgruppe anzupassen – sei es gegenüber Patientinnen und Patienten, Angehörigen, Ärztinnen und Ärzten, Kolleginnen und Kollegen oder der Öffentlichkeit. Dabei sei genau diese Kommunikation entscheidend, um die Leistungen der Pflege sichtbar zu machen – sowohl gegenüber anderen Gesundheitsberufen als auch gegenüber der Öffentlichkeit.

Cornelia Reichardt unterstrich deshalb die Bedeutung von Kommunikationskompetenz bereits in der Ausbildung. Am Sana Klinikum Borna würden beispielsweise Übergabesituationen, schwierige Gesprächssituationen und interprofessionelle Zusammenarbeit gezielt trainiert. Gleichzeitig können Auszubildende im dritten Lehrjahr zeitweise eigenverantwortlich die Organisation einer Station übernehmen. „Verantwortung wird gelernt – durch konkreten Praxisbezug“, betonte Reichardt. Darüber hinaus werde großer Wert auf Reflexion, Praxisanleitung und den engen Austausch zwischen Schule und Versorgungspraxis gelegt, um die Auszubildenden frühzeitig auf die vielfältigen kommunikativen Anforderungen des Berufs vorzubereiten.

Berufsstolz entsteht durch Beteiligung

Mehrfach wurde im Verlauf des Fachdialogs deutlich, dass Berufsstolz eng mit Wertschätzung und Mitgestaltungsmöglichkeiten verbunden ist. Statt ausschließlich Probleme zu diskutieren, brauche es in Teams häufiger einen Blick auf erfolgreiche Lösungen und gemeinsam erreichte Ziele. Prof. Isfort berichtete von einem Praxisprojekt, in dem klassische Fallbesprechungen bewusst in „Erfolgsbesprechungen“ umgewandelt wurden: „Wir haben gesagt: Ihr führt keine Fallbesprechungen mehr durch, sondern wir möchten mit euch Erfolgsbesprechungen machen.“ Dies habe in den Teams neue Dynamiken ausgelöst und dazu geführt, dass die Expertise der Mitarbeitenden stärker sichtbar wurde. 

Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihre Expertise gefragt ist und ihre Stimme gehört wird, stärke dies nicht nur die Teamkultur, sondern auch die Identifikation mit dem Beruf. Dabei komme Führungskräften eine besondere Verantwortung zu, betonten die Teilnehmenden. Gute Kommunikation und die Einbindung aller Berufsgruppen seien zentrale Voraussetzungen für eine positive Arbeitskultur.

Sichtbarkeit schafft Attraktivität

Wie wichtig öffentliche Wahrnehmung für die Profession ist, zeigte auch die Diskussion über Wettbewerbe, Öffentlichkeitsarbeit und soziale Medien. Sonia Fietz berichtete, dass ihre Auszeichnung als „Bester Pflegeprofi in Schleswig-Holstein“ dazu beigetragen habe, die Leistungen von Pflegenden auch für die Allgemeinheit sichtbarer zu machen. „Es ist eine gute Gelegenheit, Pflege in den Vordergrund zu rücken und zu zeigen, was Pflege wirklich ausmacht“, so die stellvertretende Pflegedienstleiterin.

Auch soziale Medien könnten dazu beitragen, Erfahrungen zu teilen, voneinander zu lernen und Selbstbewusstsein zu stärken. Vor allem junge Menschen würden davon profitieren, dass immer mehr Pflegende für alle sichtbar Einblicke in ihre Berufswelt und ihre konkrete Arbeit geben. Celina Barth hat im Austausch mit anderen Auszubildenden gemerkt, dass diese Einblicke auch für die eigene Arbeit wertvoll sind: „Man sieht, dass andere ähnliche Herausforderungen haben, oder wie andere bestimmte Situationen meistern. Das stärkt das Selbstvertrauen.“

Pflege gemeinsam gestalten

Zum Abschluss richteten die Gäste den Blick nach vorn. Celina Barth betonte die Bedeutung von Zugehörigkeit und Mitgestaltung von jungen Pflegenden bereits während der Ausbildung: „Man möchte gesehen werden und sich von Anfang an einbringen.“ Pflegedirektorin Cornelia Reichardt hob die enge Zusammenarbeit von Theorie und Praxis hervor. Sie sei ein entscheidender Faktor, um Fachkräfte langfristig für den Beruf zu begeistern und zu halten. Sonia Fietz warb dafür, einander zuzuhören und im Team unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen. Prof. Isfort fasste schließlich zusammen, worauf es aus seiner Sicht ankommt: „Wir müssen mehr über Pflege sprechen. Nur so kommt das Thema in der Gesellschaft an und gewinnt die Aufmerksamkeit, die es verdient.“

Der Fachdialog machte deutlich: Pflege verfügt über hohe fachliche Kompetenz, großes Engagement und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten. Damit diese Potenziale jedoch langfristig wirksam werden können, braucht es neben einer starken beruflichen Identität auch verlässliche Rahmenbedingungen.

Aufzeichnung

Hier geht's zur Aufzeichnung des Fachdialogs.

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