Die Projektergebnisse zeigen, dass die Kompetenzen von Pflegefachpersonen in der Öffentlichkeit häufig unterschätzt werden. So gaben mehr als zwei Drittel der befragten Auszubildenden an, dass ihr Umfeld überrascht sei, wie viel fachliches Wissen in der Pflegeausbildung vermittelt werde. Gleichzeitig stimmten 90 Prozent der beruflich Pflegenden der Aussage nicht zu, dass in der Öffentlichkeit ein realistisches Bild ihrer Arbeit vermittelt werde.
Zu oft würden nur einzelne Tätigkeiten benannt, aber nicht die anspruchsvollen Beobachtungs-, Einschätzungs- und Entscheidungsprozesse, die hinter vielen pflegerischen Handlungen stehen. „Die Komplexität der Pflegesituation macht das Reden über den Beruf oft schwierig“, sagte Isfort. Erfolgreiche Kompetenzkommunikation bedeute deshalb auch, die Sprache an die jeweilige Zielgruppe anzupassen – sei es gegenüber Patientinnen und Patienten, Angehörigen, Ärztinnen und Ärzten, Kolleginnen und Kollegen oder der Öffentlichkeit. Dabei sei genau diese Kommunikation entscheidend, um die Leistungen der Pflege sichtbar zu machen – sowohl gegenüber anderen Gesundheitsberufen als auch gegenüber der Öffentlichkeit.
Cornelia Reichardt unterstrich deshalb die Bedeutung von Kommunikationskompetenz bereits in der Ausbildung. Am Sana Klinikum Borna würden beispielsweise Übergabesituationen, schwierige Gesprächssituationen und interprofessionelle Zusammenarbeit gezielt trainiert. Gleichzeitig können Auszubildende im dritten Lehrjahr zeitweise eigenverantwortlich die Organisation einer Station übernehmen. „Verantwortung wird gelernt – durch konkreten Praxisbezug“, betonte Reichardt. Darüber hinaus werde großer Wert auf Reflexion, Praxisanleitung und den engen Austausch zwischen Schule und Versorgungspraxis gelegt, um die Auszubildenden frühzeitig auf die vielfältigen kommunikativen Anforderungen des Berufs vorzubereiten.
Berufsstolz entsteht durch Beteiligung
Mehrfach wurde im Verlauf des Fachdialogs deutlich, dass Berufsstolz eng mit Wertschätzung und Mitgestaltungsmöglichkeiten verbunden ist. Statt ausschließlich Probleme zu diskutieren, brauche es in Teams häufiger einen Blick auf erfolgreiche Lösungen und gemeinsam erreichte Ziele. Prof. Isfort berichtete von einem Praxisprojekt, in dem klassische Fallbesprechungen bewusst in „Erfolgsbesprechungen“ umgewandelt wurden: „Wir haben gesagt: Ihr führt keine Fallbesprechungen mehr durch, sondern wir möchten mit euch Erfolgsbesprechungen machen.“ Dies habe in den Teams neue Dynamiken ausgelöst und dazu geführt, dass die Expertise der Mitarbeitenden stärker sichtbar wurde.
Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihre Expertise gefragt ist und ihre Stimme gehört wird, stärke dies nicht nur die Teamkultur, sondern auch die Identifikation mit dem Beruf. Dabei komme Führungskräften eine besondere Verantwortung zu, betonten die Teilnehmenden. Gute Kommunikation und die Einbindung aller Berufsgruppen seien zentrale Voraussetzungen für eine positive Arbeitskultur.
Sichtbarkeit schafft Attraktivität
Wie wichtig öffentliche Wahrnehmung für die Profession ist, zeigte auch die Diskussion über Wettbewerbe, Öffentlichkeitsarbeit und soziale Medien. Sonia Fietz berichtete, dass ihre Auszeichnung als „Bester Pflegeprofi in Schleswig-Holstein“ dazu beigetragen habe, die Leistungen von Pflegenden auch für die Allgemeinheit sichtbarer zu machen. „Es ist eine gute Gelegenheit, Pflege in den Vordergrund zu rücken und zu zeigen, was Pflege wirklich ausmacht“, so die stellvertretende Pflegedienstleiterin.
Auch soziale Medien könnten dazu beitragen, Erfahrungen zu teilen, voneinander zu lernen und Selbstbewusstsein zu stärken. Vor allem junge Menschen würden davon profitieren, dass immer mehr Pflegende für alle sichtbar Einblicke in ihre Berufswelt und ihre konkrete Arbeit geben. Celina Barth hat im Austausch mit anderen Auszubildenden gemerkt, dass diese Einblicke auch für die eigene Arbeit wertvoll sind: „Man sieht, dass andere ähnliche Herausforderungen haben, oder wie andere bestimmte Situationen meistern. Das stärkt das Selbstvertrauen.“
Pflege gemeinsam gestalten
Zum Abschluss richteten die Gäste den Blick nach vorn. Celina Barth betonte die Bedeutung von Zugehörigkeit und Mitgestaltung von jungen Pflegenden bereits während der Ausbildung: „Man möchte gesehen werden und sich von Anfang an einbringen.“ Pflegedirektorin Cornelia Reichardt hob die enge Zusammenarbeit von Theorie und Praxis hervor. Sie sei ein entscheidender Faktor, um Fachkräfte langfristig für den Beruf zu begeistern und zu halten. Sonia Fietz warb dafür, einander zuzuhören und im Team unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen. Prof. Isfort fasste schließlich zusammen, worauf es aus seiner Sicht ankommt: „Wir müssen mehr über Pflege sprechen. Nur so kommt das Thema in der Gesellschaft an und gewinnt die Aufmerksamkeit, die es verdient.“
Der Fachdialog machte deutlich: Pflege verfügt über hohe fachliche Kompetenz, großes Engagement und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten. Damit diese Potenziale jedoch langfristig wirksam werden können, braucht es neben einer starken beruflichen Identität auch verlässliche Rahmenbedingungen.