Wie hat sich die Profession Pflege aus Ihrer Perspektive in den letzten Jahrzehnten geändert?

Christine Vogler: Die Profession Pflege hat sich in den letzten Jahrzehnten grundlegend weiterentwickelt. Pflege ist heute nicht mehr nur „helfende Tätigkeit“, sondern eine eigenständige, fachlich begründete und wissenschaftlich fundierte Profession. Pflegefachpersonen erfassen komplexe Versorgungssituationen, erkennen Risiken, treffen fachliche Einschätzungen, beraten Menschen und ihre Angehörigen, koordinieren Versorgungsprozesse und übernehmen Verantwortung für Sicherheit, Kontinuität und Qualität der Versorgung.

Wesentliche Entwicklungsschritte waren die Einführung der Pflegeversicherung, die Weiterentwicklung von Expertenstandards, der Aufbau pflegewissenschaftlicher Studiengänge, die Akademisierung der Pflege, die generalistische Pflegeausbildung und die berufspolitische Entwicklung durch Pflegekammern und professionelle Selbstverwaltung. All das hat dazu beigetragen, Pflege sichtbarer, beschreibbarer und fachlich stärker begründbar zu machen.

Gleichzeitig ist die Entwicklung noch nicht am Ende. Die Kompetenzen der Pflegefachpersonen sind deutlich gewachsen – aber die Strukturen des Gesundheitswesens bilden diese Kompetenzen gegenwärtig noch nicht ausreichend ab. Pflege ist fachlich längst weiter, als es die gesetzlichen, finanziellen und organisatorischen Rahmenbedingungen an vielen Stellen bisher zulassen. Das müssen wir im Rahmen der Umsetzung z. B. des Pflegebefugniserweiterungsgesetzes und bei der Entwicklung eines Scope of Practice dringend berücksichtigen.

Woran macht sich für Sie der Wandel konkret fest?

Christine Vogler: Der Wandel zeigt sich vor allem daran, dass Pflegefachpersonen heute in hochkomplexen Versorgungssituationen eigenständig handeln müssen – und dies auch fachlich können. Sie erkennen Veränderungen des Gesundheitszustands frühzeitig, verhindern Komplikationen, sichern Übergänge zwischen Versorgungsbereichen, beraten zu Prävention, Selbstmanagement und Alltagsbewältigung und tragen wesentlich dazu bei, dass Menschen möglichst lange selbstbestimmt leben können.

Besonders deutlich wird der Wandel in der Ausbildung. Seit 2020 gibt es mit der generalistischen Pflegeausbildung eine moderne bundesweite Ausbildung zur Pflegefachperson. Sie befähigt dazu, Menschen aller Altersgruppen in unterschiedlichen Versorgungsbereichen zu pflegen. Seit 2020 kann in Deutschland auch endlich Pflege als Profession studiert werden.  Mit der geplanten bundeseinheitlichen Pflegefachassistenz kommt ein weiterer wichtiger Baustein hinzu. Entscheidend ist aber: Qualifikationen müssen klar beschrieben und im Versorgungssystem auch entsprechend eingesetzt werden.

Genau hier liegt eines der zentralen Defizite. Pflegefachpersonen werden in Deutschland häufig noch unterhalb ihrer tatsächlichen Kompetenz eingesetzt. Das ist weder für die Berufsgruppe akzeptabel noch für die Versorgung der Bevölkerung sinnvoll. Ein modernes Gesundheitssystem muss Pflegefachpersonen nicht nur als „Personalressource“ betrachten, sondern als eigenständige professionelle Akteurinnen und Akteure mit klaren Verantwortungsbereichen.

Warum ist es so wichtig, die eigene Fachlichkeit und Kompetenzen der Pflege für eine bedarfsgerechte Versorgung zu stärken?

Christine Vogler: Weil eine gute Versorgung der Zukunft ohne starke Pflegefachpersonen nicht funktionieren wird. Die demografische Entwicklung, die Zunahme chronischer Erkrankungen, Multimorbidität, Pflegebedürftigkeit und Versorgungsbrüche zeigen sehr deutlich: Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr pflegerische Kompetenz im System.

Pflegefachpersonen sind sehr nah an den Menschen. Sie sehen früh, wenn sich Risiken entwickeln, wenn Versorgung nicht passt, wenn Angehörige überlastet sind oder wenn Menschen durch rechtzeitige Beratung, Prävention und Steuerung stabilisiert werden können. Diese Nähe ist keine „weiche“ Zusatzleistung, sondern ein zentraler Qualitätsfaktor für Versorgungssicherheit.

Pflegefachpersonen brauchen verbindliche Befugnisse, klare Verantwortungsbereiche, bessere Einbindung in Entscheidungen, eine systematische Beteiligung an Versorgungssteuerung und die Möglichkeit, ihre Kompetenzen eigenständig anzuwenden. Das betrifft insbesondere Prävention, Beratung, pflegerische Diagnostik, Versorgung von Menschen mit chronischen Erkrankungen, Wundversorgung, Demenz, Diabetes, Übergangsmanagement und Primärversorgung.

Die Frage ist nicht, ob Pflegefachpersonen mehr Verantwortung übernehmen können. Die Frage ist, warum Deutschland vorhandene pflegerische Kompetenz noch immer nicht konsequent nutzt. Wer Versorgung sichern will, muss Pflegefachpersonen endlich als das einsetzen, was sie sind: hochqualifizierte Gesundheitsprofessionelle, die Versorgung aktiv gestalten und nicht nur ausführen.