Illustration: Rechts ein Krankenhaus, links das Symbol für transgender

Das Pflegeverständnis rückt den pflegebedürftigen Menschen mit seinen individuellen Bedürfnissen und Bedarfen in den Mittelpunkt. Da ist es naheliegend, dass gute Pflege auch einen geschlechter- und gendergerechten Umgang mit Pflegebedürftigen einschließt. Was gehört dazu?

Welche Bedürfnisse und Erfahrungen bringen pflegebedürftige Menschen mit, die sich selbst den LGBTQIA+ zuordnen? Und wie sollten Pflegekräfte darauf reagieren? Dr. Barbara Stiegler ist Diplompsychologin und Diplompädagogin. Gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Dr. Dorothee Beck hat sie für die Friedrich-Ebert-Stiftung die Publikation „Das Märchen von der Gender-Verschwörung – Argumente für eine geschlechtergerechte und vielfältige Gesellschaft“ geschrieben. Sie hat hilfreiche Tipps, wie eine geschlechter- und gendergerechte Betreuung von Pflegebedürftigen gelingen kann:

  • Bewusstsein schaffen: Um auf die Bedürfnisse verschiedener Geschlechter – abseits der binären Einteilung in „Mann“ und „Frau“ – reagieren zu können, sollte man sich im ersten Schritt bewusst machen, was der Begriff „Geschlecht“ überhaupt bedeutet. Er bezieht sich nicht nur auf die Fortpflanzung. Vielmehr kommt es unter anderem auch auf die Geschlechtsidentität an, also wie sich jemand selbst fühlt und definiert. Für eine entsprechende Positionierung gibt es zahlreiche Möglichkeiten zwischen den beiden Polen „männlich“ und „weiblich“ – oder auch jenseits davon. Darüber hinaus spielt auch eine Rolle, wen man sexuell anziehend findet. Und nicht zuletzt geht es auch um die gesellschaftlichen Normen und Erwartungen, die an eine bestimmte Geschlechtszugehörigkeit gebunden sind.
  • Thema sensibel angehen: Viele LGBTQIA+-Menschen waren in ihrem Leben Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt. Homosexualität wurde zum Beispiel noch bis 1992 als Krankheit angesehen. Deswegen bestehen häufig Hemmungen, offen über ihre Geschlechtsidentität und ihre Sexualität zu sprechen. Die Kommunikation darüber ist aber wichtig, damit die daraus resultierenden Bedürfnisse berücksichtigt werden können. Ein respektvoller, toleranter und verständnisvoller Umgang ist deswegen von besonderer Bedeutung und muss erlernt werden.
  • Allgemeinwissen aneignen: Wissen, beispielsweise zur Geschichte der Homosexualität in Deutschland, zu Untersuchungen über die heutige Lebenslage von LGBTQIA+ oder zu entsprechenden Symbolen, hilft Pflegekräften beim sensiblen Umgang mit den Pflegebedürftigen.
  • Zeichen setzen: Pflegeeinrichtungen können schon durch kleine Gesten ganz offen zeigen, dass sie für Diversität und Toleranz stehen. So schafft eine Regenbogenfahne im Eingangsbereich eine Willkommenskultur für alle Geschlechter. Pflegekräfte sollten unangemessene oder sogar verachtende Aussagen und Taten anderer Pflegebedürftiger und aus dem Team nicht ignorieren, sondern offen ansprechen und alle gegen solche Angriffe verteidigen.
  • Auf die Sprache achten: Damit sich Pflegebedürftige in der Sprache wiederfinden, sollten Pflegekräfte eine gendersensible Sprache verwenden. Dabei hilft es zum Beispiel, darauf zu achten, welche Pronomen die Pflegebedürftigen für sich selbst verwenden und diese zu übernehmen.
  • Diversität im Team leben: Wenn auch unter den Kolleginnen und Kollegen Menschen sind, die sich den LGBTQIA+ zuordnen, können diese wichtige und hilfreiche Impulse für den geschlechter- und gendergerechten Umgang mit Pflegebedürftigen geben.
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