Herr Heckelmann, Sie haben das Konzept des domino-coachings evaluiert. Was zeichnet dieses Pflegekonzept aus? 

Obwohl viele ältere Menschen von Rehabilitationsmaßnahmen profitieren könnten, erhalten tatsächlich nur etwa zwei Prozent entsprechende Leistungen. Das Konzept versucht, diese Lücke zu schließen, indem rehabilitative Elemente systematisch in den Pflegealltag integriert werden. Dazu erhalten Bewohnende motorische Aktivierung in Form von mindestens einer Stunde Sport täglich. Zusätzlich werden mit ihnen Ziele auf Basis eines motivationsorientierten, psychologisch-fundierten Arbeitsplans vereinbart.
Im Unterschied zu einer häufig noch defizitorientierten Pflegeperspektive zielt das Konzept darauf ab, vorhandene Fähigkeiten gezielt zu fördern und wiederaufzubauen. Jede pflegebedürftige Person erhält dabei einen persönlichen Coach aus dem Pflegeteam. Dieser betreut in der Regel bis zu sieben Bewohnende, vereinbart individuelle Ziele und begleitet sie über einen längeren Zeitraum bei der Verbesserung ihrer Alltagskompetenzen.

Was ist das Besondere daran? 

Das Besondere ist, dass die rehabilitative Perspektive nicht als zusätzliche Therapie organisiert, sondern in den Pflegealltag integriert wird. Pflegebedürftige werden gewissermaßen im Alltag aktiviert und motiviert, ihre Ressourcen zu nutzen und weiterzuentwickeln. 

Ihre Evaluation hat sich insbesondere mit der Wirtschaftlichkeit des Konzepts beschäftigt. Worum ging es genau? 

Im Mittelpunkt unserer Untersuchung stand die Frage, ob ein rehabilitativ ausgerichtetes Pflegekonzept innerhalb der bestehenden Finanzierungs- und Organisationsstrukturen der stationären Pflege wirtschaftlich umsetzbar ist.
Innovative Konzepte sind in der Praxis häufig mit der Sorge verbunden, dass sie zusätzlichen Personalbedarf oder höhere Kosten verursachen könnten. Deshalb haben wir untersucht, welche Auswirkungen das „domino-coaching“-Konzept auf Personalaufwand, Arbeitsorganisation und wirtschaftliche Kennzahlen bei den beteiligten Leistungserbringern hat. Dabei konnten wir auch auf frühere Evaluationen zurückgreifen, unter anderem eine Untersuchung durch das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer IAO) aus den frühen 2000er-Jahren.

Was haben Sie in Ihrer Analyse herausgefunden?

Ein zentrales Ergebnis ist, dass in den Einrichtungen der domino-coaching-Stiftung kein dauerhafter zusätzlicher Personalaufwand festgestellt wurde. Zwar entstehen zu Beginn zeitliche Aufwände durch Schulungen und der Einführung des Konzepts, langfristig wird dieser Aufwand jedoch durch Entlastungen beim Personal kompensiert, und es bleibt innerhalb der bestehenden Pflegesatzstrukturen refinanzierbar. Teilweise entstehen sogar Effizienzgewinne.

Woran liegt das? 

Der Grund liegt darin, dass die Bewohnenden in den Altenpflege-Einrichtungen durch die aktivierende Pflege häufig wieder selbstständiger werden. Dadurch reduziert sich der Unterstützungsbedarf im Alltag. Wenn etwa Mobilität oder Alltagskompetenzen verbessert werden, benötigten sie weniger Hilfe bei Tätigkeiten wie Ankleiden, Aufstehen oder Toilettengängen.
In der Praxis wird zudem berichtet, dass etwa jeder achte Bewohnende wieder in die eigene Häuslichkeit entlassen werden konnte. Aber auch wenn dieser Schritt nicht möglich ist, führen mehr Mobilität, Motivation und Selbstständigkeit häufig zu einer spürbaren Entlastung im Pflegealltag für alle Beteiligten, sogar bei Menschen mit dementiellen Erkrankungen.

Welche Auswirkungen zeigt das Konzept auf das Pflegepersonal?

Ein besonders interessantes Ergebnis betrifft die Wirkung auf das Personal. Die Pflegefachpersonen haben berichtet, dass sie ihre Arbeit als sinnstiftender erleben, wenn sie beobachten können, dass die Bewohnenden wieder Fähigkeiten zurückgewinnen oder Fortschritte machen.
Das verändert auch die Wahrnehmung der eigenen beruflichen Wirksamkeit. Statt ausschließlich eine eher kurativ oder versorgend ausgerichtete Pflege zu leisten, erleben viele Mitarbeitende, dass ihre Arbeit Entwicklung ermöglicht.

Und welchen Effekt hat das auf die Organisation der Einrichtungen?

Die höhere Arbeitszufriedenheit wirkt sich auch organisatorisch aus. Einrichtungen berichten von stabileren Teams, einer stärkeren Bindung der Mitarbeitenden an den Träger sowie einer erleichterten Personalgewinnung. Gleichzeitig können Rekrutierungskosten sinken, und es gibt häufig eine steigende Nachfrage nach Ausbildungsplätzen.
Ein sehr wichtiger Aspekt ist, dass in den beteiligten Einrichtungen auf kostenintensive Leiharbeit verzichtet werden kann. Für Leistungserbringer hat das massive wirtschaftliche Vorteile. Obendrein verbessert es die Bezugspflege.

Wo liegen die größten Herausforderungen bei der Einführung eines solchen Konzepts?

Die Herausforderungen liegen weniger in direkten finanziellen Investitionen als vielmehr im organisatorischen und kulturellen Wandel innerhalb der Einrichtung.
Das „domino-coaching“-Konzept ist kein isoliertes Zusatzangebot, sondern ein umfassendes Betreuungs- und vor allem Führungskonzept. Ohne kennzahlenbasiertes Management und kooperatives Führen geht es nicht. Auch brauchen die Schulungen der Mitarbeitenden Zeit.

Für welche Einrichtungen eignet sich das Konzept besonders?

Das Konzept eignet sich vor allem für Leistungserbringer, die bereit sind, ihre Pflegeorganisation strategisch weiterzuentwickeln. Das Konzept des „domino-coachings“ ist kein kurzfristiges Zusatzprojekt, sondern ein umfassender Ansatz, der die Arbeitsweise der Einrichtung insgesamt prägt.
Voraussetzung ist insbesondere die Bereitschaft, alle pflegerisch und betreuend tätigen Mitarbeitenden entsprechend weiterzubilden und die notwendige Zeit für die Umstellung der Arbeitsprozesse einzuplanen.
Der Mehrwert zeigt sich in der Regel erst mittel- bis langfristig, etwa durch eine höhere Selbstständigkeit der Bewohnenden, stabilere Teams und eine höhere Mitarbeitendenzufriedenheit.

Pflegeeinrichtungen Prävention/Rehabilitation