Demenz

Wie wird ein Altenheim demenzsensibler?

Die Ausgestaltung von Innenräumen wirkt sich darauf aus, wie wohl sich ältere Menschen mit Demenz in einem Altenheim fühlen und wie gut Pflegekräfte mit ihnen ins Gespräch kommen. Kurzinterview mit einer Praktikerin.

»Was ist zentral bei der demenzsensiblen Umgestaltung?«

„Wichtig ist es, die Umgebung immer wieder an die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen anzupassen.“

Hinweis: Die hier veröffentlichten Antworten geben die Sichtweise der jeweiligen Absender wieder und nicht die fachliche oder juristische Position des Bundesministeriums für Gesundheit.

Frau Kirchner, wie sieht die Architektur Ihres Altenheims aus, was ist anders als anderswo?

Sabrina Kirchner: Als ich 2017 anfing hier zu arbeiten, war ich wirklich überrascht: So ein Heim hatte ich noch nie gesehen. Es ist wie ein Rechteck aufgebaut, mit einem Innenhof und Rundläufen in jedem Wohnbereich und vor allem: mit einer fast kompletten Innenfront aus Glas. Dadurch ist hier alles extrem tageslichtdurchflutet, auf den Gängen gibt es keine dunklen Stellen.

Außerdem haben wir einen eingezäunten Garten, auch mit Rundweg, der sogar im Winter sehr gut angenommen wird. Viele Bewohnerinnen und Bewohner würden am liebsten gleich nach dem Aufstehen rausgehen. Gartenarbeiten sind vielen sehr vertraut aus früheren Zeiten und das kitzelt oft verloren gegangene Fähigkeiten noch einmal hervor.

  • Sabrina Kirchner im Interview

    Sabrina Kirchner ist seit 2017 Pflegedienstleitung im Altenheim Haus Eichholzgärten in Sindelfingen. Das Haus zog im Jahr 2015 in einen Neubau um. Einer der drei Bereiche für insgesamt 96 Bewohnerinnen und Bewohner ist jetzt komplett demenzsensibel gestaltet.

Und wie unterscheidet sich der demenzsensible Wohnbereich von den anderen Wohnbereichen?

Sabrina Kirchner: Diesen Wohnbereich haben wir mit den Jahren zunehmend auf die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner angepasst. Als ich 2017 anfing, hier zu arbeiten, war noch nicht alles ideal: Die „Kommunikations-Sitzecken“ in den Fluren wurden zum Beispiel in anderen Wohnbereichen gut angenommen, hier aber gar nicht. Vielen Bewohnerinnen und Bewohnern fehlten schlicht die kognitiven Fähigkeiten für längere Gespräche. Daher habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, ganz neue Angebote für sie zu schaffen: So entstand dann zum Beispiel unser Wohnzimmer mit einem Erinnerungsbereich – eine gemütliche Sitzecke mit Möbeln und Details, die Erinnerungen an alte Zeiten aufleben lassen. Heute ist das unser meistgenutzter Raum. Eine weitere ehemalige Sitzecke verwandelten wir in eine Waschküche mit Wäscheständer, Bügelbrett und Nähmaschine, zudem gibt es eine kleine Werkstatt mit einer alten Werkbank und Werkzeugen, in der gemeinsam mit dem Pflegepersonal gehämmert und geschraubt werden kann. Überall in den Gängen hängen mittlerweile zudem Fühlwände – zum Beispiel zum Thema Malen mit vielen Pinseln und Schwämmen, oder zum Thema Musik mit einer Fahrradhupe, Rasseln und einer Trommel.

Wie wirkt sich die Umgestaltung auf Bewohnerinnen und Bewohner aus?

Sabrina Kirchner: Viele von ihnen haben einen großen Bewegungsdrang, eine sogenannte „Hinlauftendenz“, sie gehen von morgens bis abends ihre Runden durch die Flure. Damit sie uns nicht verloren gehen, war der demenzsensible Wohnbereich anfangs technisch per Zahlencode geschützt. Mittlerweile haben wir ein besseres System gefunden, das sogenannte Schutzengelsystem: Nur diejenigen, bei denen dies rechtlich angeordnet ist, tragen nun ein Transponder-Armband, das ein automatisches Öffnen der Eingangstür verhindert. Alle anderen können sich frei in Haus und Garten bewegen.

Während unsere Bewohnerinnen und Bewohner vorher im Wohnbereich bei ihren Spaziergängen kaum Input bekamen, regen die neuen Angebote sie nun an mehreren Stellen zum Erleben ein. Die Fühlwände und Erinnerungsecken machen etwas mit diesen Menschen, rufen biografische Erinnerungen in ihnen hervor. Es ist für sie nicht nur ein Spaziergang, es ist ein Erlebnispfad. Auch die Betreuungskräfte können das nutzen für die Beschäftigung. Sie kommen so leichter in den Austausch – so ergeben sich an den Stationen und in den Ecken viele Gespräche, die in die Seele der Bewohnerinnen und Bewohner führen. Diese Form der Aktivität macht die Menschen am Ende des Tages aus ruhiger und entspannter, was gerade bei Demenz von hohem Wert ist.

Wichtig ist es, die Umgebung und die Angebote auch immer mal wieder an die Bedürfnisse der dort lebenden Menschen anzupassen und umzugestalten, wenn sie etwas nicht mehr annehmen.

Welche Qualifikationen müssen Mitarbeitende in der Pflege in Ihrer Einrichtung mitbringen, um Bewohnerinnen und Bewohner mit Demenz entsprechend zu betreuen?

Sabrina Kirchner: Nicht jede Pflegekraft kann in diesem Wohnbereich arbeiten. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen in der Lage sein, sich sehr anzupassen und jeden Tag ganz neu auf diese Menschen und ihre oft stark wechselnden Bedürfnisse einzustellen. Deshalb bilden wir auch selbst aus. Unsere Pflegekräfte erhalten aber mit den neuen Angeboten auch einfach viel mehr Anregungen, sich mit den Bewohnerinnen und Bewohnern zu beschäftigen und diese zum Beispiel von negativen Gedanken abzulenken.

Wie haben Sie das alles finanziert?

Sabrina Kirchner: Der Neubau unseres Hauses wurde komplett vom Träger finanziert, zudem haben wir eine kleine Summe von der Deutschen Fernsehlotterie bekommen. Ansonsten kam alles aus eigenen Mitteln – und bei den Umgestaltungen der Flure und Sitzecken haben wir zudem viele Gegenstandsspenden von Mitarbeitenden und Angehörigen erhalten.

Zum Weiterlesen

Mehr zu demenzsensiblen Einrichtungen finden Sie auch in der Dokumentation des Fachforums 3, das im Rahmen des Auftakts zur Nationalen Demenzstrategie stattgefunden hat.