Demenz

Wie wird ein Krankenhaus demenzsensibel?

Seit Jahren steigt in Krankenhäusern die Zahl der Patientinnen und Patienten mit der Nebendiagnose Demenz. Die Häuser darauf einzustellen, erfordert nicht vordergründig Geld, sondern vor allem ein Neudenken von Prozessen und die richtigen Mitarbeitenden. Kurzinterview mit einer Praktikerin.

»Was hat das Haus davon, interne Prozesse zu ändern?«

„Betroffene und Pflegekräfte profitieren gleichermaßen von den an Menschen mit Demenz angepassten Abläufen.“

Hinweis: Die hier veröffentlichten Antworten geben die Sichtweise der jeweiligen Absender wieder und nicht die fachliche oder juristische Position des Bundesministeriums für Gesundheit.

Frau Ellinger, was hat sich in den vergangenen Jahren in ihrem Krankenhaus verändert?

Karin Ellinger: Mit unserem Projekt „Menschen mit Demenz im Akutkrankenhaus“ (MeDeMa) setzten wir uns 2012 das Ziel, Menschen mit Demenz entsprechend ihrer Bedürfnisse zu versorgen – und zwar fernab der Regelabläufe und mit anderer Personalausstattung. Wir setzten dazu hauptsächlich in den Bereichen Architektur und Prozesse an. Auf einer Station der Inneren Medizin haben wir einen Bereich mit sechs Betten für Menschen mit Demenz mit außerordentlichen Pflegeerfordernissen etabliert – die zum Beispiel weglaufen, forderndes Verhalten zeigen, laut sind oder nachts nicht schlafen.

  • Karin Ellinger im Interview

    Karin Ellinger ist Pflegedienstleitung und Abteilungsleitung Innere und Palliativmedizin im Dresdener Diakonissenkrankenhaus.

Was kam Neues im architektonischen Bereich dazu?

Karin Ellinger: Hier achteten wir besonders auf orientierungsfördernde Maßnahmen wie etwa große Zimmernummern, regionale Bilder an den Türen, welche sich im Zimmer wiederholen oder Uhren und Ortsangaben. Im Zuge der Umbauten entstand eine Sitzecke als zentraler Ankerpunkt, in der sich Menschen mit Demenz aufhalten und sich beschäftigen können. Dieser Bereich befindet sich direkt gegenüber dem Stützpunkt der Pflegekräfte, sodass ein gegenseitiger Blickkontakt möglich ist. Die Sitzecke hat sich in vielerlei Hinsicht bewährt. Menschen mit Demenz sind so zum Beispiel ruhiger, wenn sie am Alltagsgeschehen teilnehmen können, anstatt allein im Zimmer zu sitzen. Und sie laufen weniger weg.

Inwiefern gestalteten Sie Ihre Prozesse demenzsensibel um?

Karin Ellinger: Wir dachten sie nochmal neu, individuell auf Menschen mit Demenz abgestimmt – und passten sie dann an. Als Beispiel haben wir die Abläufe in der Essensversorgung grundlegend geändert. Betroffene haben nun die Möglichkeit, in einem demenzgerechten Aufenthaltsraum gemeinsam mit anderen Menschen zu essen und das zu essen, wonach ihnen gerade ist. Dies hat zur Folge, dass Betroffene mehr Freude am Essen verspüren, selbständiger und mehr essen. Weitere Erfolge zeigten sich unter anderem in der Reduktion der Sturzrate um rund 42 Prozent, im geringeren Einsatz von Psychopharmaka, in der Zufriedenheit von Pflegekräften und Angehörigen sowie in der Beliebtheit des Bereichs. Betroffene und Pflegekräfte profitieren gleichermaßen von den neuen, auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz angepassten Abläufen. Zudem nehmen die Pflegekräfte viele positive Rückmeldungen entgegen, von intern wie von extern. So empfinden es beispielsweise die Kolleginnen und Kollegen der chirurgischen Bereiche als entlastend, wenn sie einen „schwer führbaren“ Patienten zu uns verlegen können und ein paar Tage später sehen, dass der Patient allein durch pflegerische Maßnahmen mit personenzentrierter Haltung ganz friedlich in der Sitzecke sitzt.

Was war wichtig bei der Umsetzung des Projekts?

Karin Ellinger: Dafür braucht es vordergründig ein passgenaues Konzept und ein klares positives Statement aus der Geschäftsleitung. Wichtig ist, auf allen Ebenen Unterstützende zu haben und Mitarbeitende, welche zur Versorgung von Menschen mit Demenz passen. Ausschlaggebend und zielführend ist dabei die menschliche, personenzentrierte Haltung gegenüber Menschen mit Demenz. Ist jemand in der Lage, individuelle am Menschen orientierte Angebote zu machen? Gelingt es jemandem, einen Zugang zu dem Betroffenen zu finden und für ihn verständlich zu sprechen? Hierfür braucht es ein Gespür für Menschen und Kreativität für passende Maßnahmen und Angebote. Haltung lässt sich zu einem gewissen Grad schulen und kann durch Vorbilder gefördert werden. In unserem neu geschaffenen Bereich, gibt es eine Mitarbeiterin, die sich diesbezüglich fachlich vertieft hat und sich vorbildlich in Handlung und Haltung zeigt.

Wie finanziert man so etwas?

Karin Ellinger: Wir hatten eine Projektförderung von der Robert Bosch Stiftung. Darüber hinaus sind wir für weitere Kosten aufgekommen. So konnten wir ein passgenaues, größeres Maßnahmenpaket umsetzen und etablieren. Allerdings ist das Geld zweitrangig. Haltung geht vor Geld und bereits kleine Einzelmaßnahmen, können eine demenzsensible Umgebung und Versorgung unterstützen und fördern. Orientierungselemente oder Prozessanpassungen sind nicht teuer. Der Weg zum demenzsensiblen Krankenhaus braucht Zeit, Geduld, Neudenken, passgenaue Mitarbeiter – aber nicht vordergründig Geld. Am Ende profitieren alle davon, Menschen mit Demenz, Menschen ohne Demenz und Mitarbeitende.

Zum Weiterlesen

Mehr zu demenzsensiblen Einrichtungen finden Sie auch in der Dokumentation des Fachforums 3, das im Rahmen des Auftakts zur Nationalen Demenzstrategie stattgefunden hat.

Praxisleitfaden für Interessierte, welche auf dem Weg zum demenzsensiblen Krankenhaus sind und praktische Ideen suchen.

Mehr über Leuchtturmprojekte „Demenz im Akutkrankenhaus“ in Deutschland: 
Löhr/Meißnest/Vollmar (Hrsg.) (2019): Menschen mit Demenz im Allgemeinkrankenhaus. Innovative Konzepte für eine multiprofessionelle Betreuung und Versorgung. Stuttgart: Kohlhammer