Nach einer Demenzdiagnose stehen Betroffene und ihre An- und Zugehörigen häufig vor vielen Fragen: Welche Unterstützung brauchen sie? Und wie finden sie passende Angebote? Das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Forschungsprojekt RoutineDeCM hat untersucht, wie ein Dementia Care Management dabei helfen kann, Menschen frühzeitig zu begleiten und bestehende Versorgungsangebote besser miteinander zu vernetzen.
Oft finden sich An- und Zugehörige von Menschen mit Demenz in folgender Situation wieder: Wie findet man die passende Unterstützung zur richtigen Zeit? Gerade zu Beginn einer Demenzerkrankung können die Vielzahl an Informationen und die unterschiedlichen Anlaufstellen Betroffene und ihre Familien überfordern, unterstreicht Prof. Dr. Jochen René Thyrian vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE): „Wir wissen von den Menschen, dass sie sich verloren fühlen, und es gut fänden, wenn sie einen kompetenten Ansprechpartner hätten, der sie aufgrund ihrer individuellen Bedarfe durch das System leitet.“
Genau hier setzt das sogenannte Versorgungskonzept des Dementia Care Management (DCM) an. Ziel ist es, Menschen mit Demenz möglichst frühzeitig und niedrigschwellig zu erreichen, ihre individuellen Bedarfe zu erfassen, und sie dabei zu unterstützen, sich im Versorgungssystem zurechtzufinden. Dazu gehören beispielsweise Kontakte zu Fachärztinnen und Fachärzten und eine richtige Diagnostik, aber auch Beratungsangebote für An- und Zugehörige sowie die Suche nach einem geeigneten ambulanten Pflegedienst.
Wesentliche Grundlagen des Versorgungskonzeptes Dementia Care Management waren bereits in vorangegangenen Forschungsprojekten erprobt worden. Das vom Bundesministerium für Gesundheit geförderte Projekt „RoutineDeCM“ ging einen Schritt weiter: In der Region Siegen-Wittgenstein wurde untersucht, wie sich der theoretisch überprüfte Ansatz unter den dort vorhandenen regionalen Bedingungen umsetzen und nachhaltig in bestehende Strukturen integrieren lässt.
Dabei haben sich für Wissenschaftler Thyrian vor allem zwei Faktoren als wichtig erwiesen: eine gute Vernetzung auf regionaler Ebene und eine qualifizierte, personenzentrierte Unterstützung. Ein früher persönlicher Kontakt – möglichst auch im Lebensumfeld der Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen – spiele dabei eine wesentliche Rolle, so der Experte.
Entscheidend sei zugleich, keine Parallelstrukturen aufzubauen. Bei RoutineDeCM wurden deshalb für das Versorgungsprinzip des Dementia Care Management keine zusätzlichen Mitarbeitenden eingestellt. Stattdessen wurden Fachkräfte aus bestehenden Strukturen für die koordinierenden und navigierenden Aufgaben qualifiziert. So sollte vorhandene Kompetenz gestärkt und zugleich in der Region gehalten werden.
„Wir achten extrem darauf, dass wir durch unser Projekt keine Doppelstrukturen schaffen“, betont Thyrian. Wie die konkrete Umsetzung aussieht, soll sich vielmehr an den jeweiligen Bedingungen und Bedarfen einer Region orientieren.
Ein solches Modell lässt sich deshalb nicht einfach eins zu eins von einer Region auf die nächste übertragen. Entscheidend ist, vorhandene Akteurinnen und Akteure zusammenzubringen und regionale Netzwerke zu schaffen, in denen die koordinierenden Fachpersonen fest verankert sind.
Dafür braucht es nach Einschätzung von Thyrian allerdings mehr als zeitlich begrenzte Projekte: „Netzwerkarbeit kann man nicht ausschließlich ehrenamtlich machen, sondern das ist ein professionelles Aufgabenfeld.“ Neben qualifizierten Fachpersonen seien deshalb eine verlässliche Finanzierung und entsprechende rechtliche Rahmenbedingungen notwendig.
Lokale Allianzen, regionale Netzwerke und andere Förderprojekte – wie sie etwa im Rahmen der Nationalen Demenzstrategie aufgebaut und gefördert wurden – können wichtige Impulse setzen und zeigen, wie Zusammenarbeit vor Ort funktionieren kann. Die Herausforderung bestehe jedoch darin, erfolgreiche Ansätze über die jeweilige Projektlaufzeit hinaus zu sichern, so Thyrian.
Für das Dementia Care Management sieht der DZNE-Professor deshalb inzwischen vor allem beim Transfer in dauerhafte Versorgungsstrukturen Handlungsbedarf. Wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen aus Modellprojekten seien vorhanden. Aus seiner Sicht gehe es nun um den nächsten Schritt: „Den Sprung von Wissenschaft zu Modellprojekten und von Modellprojekten in die Verstetigung.“