

Im Interview berichten Daniela Wendorff und Dorothea Siebenand vom Klinikverbund Gesundheit Nord Bremen, wie sie internationale Pflegefachkräfte im Modellprojekt INGA Pflege 3.0 begleiten – von den ersten Schritten bis zur erfolgreichen Integration in den Teams. Ihre Erfahrungen zeigen, wie praxisnahe Strukturen, klare Zuständigkeiten und viel gemeinsames Engagement den Unterschied bei der Integration internationaler Fachkräfte machen.
„Die Gesundheit Nord gGmbH ist mit fast 900 Ausbildungsplätzen in den Gesundheitsfachberufen einer der größten Ausbildungsbetriebe in Bremen. Ausbildung, Fortbildung und Weiterbildung – diese Themen spielen im Klinikverbund schon immer eine große Rolle. Mit zwei Krankenpflegeschulen, einer MTA-Schule, Schulen für Therapieberufe (Logopädie, Ergotherapie und Physiotherapie) und kaufmännischen Ausbildungsgängen ermöglichen wir vielen jungen Menschen, in unserem Unternehmen ihren Beruf zu lernen. Dazu kommen unzählige Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie Kooperationen mit anderen Ausbildungsunternehmen und Bildungsträgern." Daniela Wendorff leitet die Bildungsakademie, Dorothea Siebenand ist Leiterin der Berufsfachschule Pflege in der Bildungsakademie.
Warum setzt Ihr Klinikverbund – die Gesundheit Nord in Bremen – auf internationale Anwerbung von Pflegefachkräften?
Wendorff: Trotz einer starken eigenen Ausbildung gelingt es uns nicht, den hohen Personalbedarf allein über unsere Pflegeschule zu decken. Rund 170 bis 190 Auszubildende starten jedes Jahr bei uns – dennoch entsteht durch Renteneintritte, berufliche Veränderungen oder Familienzeiten eine Lücke. Internationale Fachkräfte sind deshalb ein wichtiger Teil unserer Personalstrategie, um die pflegerische Versorgung langfristig zu sichern.
Wie ist das Projekt INGA 3.0 bei Ihnen gestartet, und wie wurde der Prozess begleitet?
Siebenand: Nach der erfolgreichen Bewerbung wurden wir eng durch das DKF und das KDA unterstützt. Am 2. Juni 2025 begann unser erster Kurs mit 16 Teilnehmenden aus dem Iran, Tunesien, Albanien und den Philippinen. Diese enge Begleitung hat den Einstieg deutlich erleichtert und den Teilnehmenden einen sicheren Rahmen gegeben, um gut in Bremen anzukommen.
Was unterscheidet INGA Pflege 3.0 von anderen Integrationsmodellen?
Wendorff: Der größte Unterschied ist die parallele Vermittlung von Sprache und Fachpraxis. Während in früheren Modellen erst die sprachliche Basis und anschließend die Pflegeinhalte vermittelt wurden, verbindet INGA 3.0 beides von Beginn an. Dadurch erleben die Teilnehmenden unmittelbar, wofür sie Sprache benötigen, und wachsen gleichzeitig in ihre fachliche Rolle hinein. Dieses Zusammenspiel wirkt enorm beschleunigend und stärkt die Selbstständigkeit.
Bild: Daniela Wendorff beim Praxisdialog vor Ort auf dem Deutschen Pflegetag 2025
Bildnachweis: Bundesfoto, Pflegenetzwerk Deutschland
Welche Erfahrungen machen Sie bisher – und woran spüren Sie den Erfolg besonders deutlich?
Siebenand: Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Die Integration in die Teams gelingt schnell, und die internationale Gruppe zeigt ein großes Engagement. Vor allem sprachlich entwickeln sich die Teilnehmenden sehr dynamisch, was sich in der Dokumentation, im Austausch mit Kolleginnen und Kollegen sowie im direkten Patientenkontakt bemerkbar macht. Das Teamteaching sorgt dafür, dass Theorie und Praxis sich gegenseitig verstärken. Viele Lernschritte greifen ineinander, und fünf Teilnehmende sind bereits kurz davor, ihr Abschlussgespräch zu führen.
Wie wirkt sich das Projekt auf die Zusammenarbeit auf den Stationen aus?
Wendorff: Die Teams erleben die internationale Gruppe als echte Bereicherung. Viele berichten von einer sehr wertschätzenden Atmosphäre und davon, wie Vielfalt das Miteinander stärkt. Gleichzeitig wächst die Sicherheit im kommunikativen Alltag sichtbar. Besonders hervorzuheben ist die Haltung der Teams: Sie übernehmen aktiv Verantwortung für eine gelingende Integration und gestalten diese mit. Das ist ein wichtiger Erfolgsfaktor, der zeigt, wie sehr professionelle Pflege von starken Gemeinschaften lebt.
Welche Strukturen unterstützen die internationale Gruppe zusätzlich?
Wendorff: Wir haben Integrationsbeauftragte eingesetzt und eine feste Sprachlehrkraft etabliert. Außerdem wurde eine eigene Abteilung für das internationale Recruiting aufgebaut. Diese Strukturen sorgen dafür, dass Ansprechpartner klar benannt sind und Unterstützung im Alltag nicht dem Zufall überlassen bleibt.
Wo begegnen Ihnen Herausforderungen, und wie gehen Sie damit um?
Siebenand: Die Unterschiede in den Anerkennungsstrukturen der Bundesländer sorgen immer wieder für Unsicherheiten. Auch die oft komplexen Lebenssituationen der Teilnehmenden und die begrenzten zeitlichen Ressourcen der Praxisanleitung verlangen viel Flexibilität. Eine besondere Rolle spielt zudem der Familiennachzug, der großen Einfluss auf die langfristige Bindung hat. Wir versuchen, diese Themen frühzeitig aufzugreifen, transparent zu kommunizieren und gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Welche positiven Entwicklungen sehen Sie sowohl für die Teilnehmenden als auch für Ihre Einrichtungen?
Siebenand: Die Teilnehmenden gewinnen rasch an fachlicher Sicherheit und sprachlicher Kompetenz. Das stärkt ihr Selbstvertrauen – und wirkt sich direkt positiv auf die Versorgung aus. Gleichzeitig profitieren die Stationen von einer engagierten, motivierten Gruppe, die spürbar zur Entlastung beiträgt. Die Zusammenarbeit im Team wird vielfach als bereichernder bezeichnet, und die strukturierten Abläufe rund um INGA 3.0 wirken insgesamt professionalisierend für den gesamten Verbund.
Bild: Dorothea Siebenand beim Praxisdialog vor Ort auf dem Deutschen Pflegetag 2025
Bildnachweis: Bundesfoto, Pflegenetzwerk Deutschland
Welche Empfehlungen würden Sie Einrichtungen mitgeben, die selbst internationale Pflegekräfte integrieren möchten?
Wendorff: Wichtig ist ein gutes Zusammenspiel aller Beteiligten – von der Schule über die Station bis zur Personalgewinnung. Klare Strukturen, feste Ansprechpersonen und eine präzise Erwartungssteuerung erleichtern allen Beteiligten den Prozess. Ebenso entscheidend ist die frühe Verzahnung von Sprache, Theorie und Praxis. Und: Regelmäßige Reflexionsräume helfen, Herausforderungen früh zu erkennen und gemeinsam Lösungen zu finden. Integration gelingt, wenn man sie als gemeinsame Aufgabe versteht und alle Ebenen einbindet.
Wie gelingt faire Anwerbung? Welche Unterstützung gibt es für die Integration im Team? Und welche Erfahrungen machen Einrichtungen in der Praxis? Auf unserer Themenseite „Internationale Fachkräfte gut integrieren“ finden Sie viele nützliche Informationen gebündelt auf einen Blick.