Schwarz-Weiß-Porträt von Shilan Fendi.

Dem Fachkräftemangel entgegenwirken: Das Projekt „Integration und Fachkräftesicherung im Gesundheitswesen (INGE)“ zeigt, wie Menschen mit Zuwanderungsgeschichte für die Pflege gewonnen und beruflich gut integriert werden können. Ein Interview mit Projektleiterin Shilan Fendi.

Sprachbarrieren abbauen, interkulturelle Sensibilität stärken und damit den Ausbildungserfolg von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte sichern – das sind einige Ziele des Projekts „Integration und Fachkräftesicherung im Gesundheitswesen (INGE)“. Konzipiert wurde das durch das Bundesministerium für Gesundheit geförderte Modellprojekt INGE durch saarland.innovation&standort e. V. (saaris). Die Umsetzung dieses Ausbildungs- und Berufseinmündungskonzeptes in der Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege sowie Medizin erfolgt in Kooperation mit vielen unterschiedlichen Trägern. Einer dieser Träger ist der Bonner Verein für Pflege und Gesundheitsberufe e.V. Shilan Fendi arbeitet dort als Projekt- und Kursleitung. In einem Praxisdialog hat sie das Teilprojekt vorgestellt. Im Interview berichtet sie, was INGE genau beinhaltet und worauf es aus ihrer Sicht bei der Integration von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in Gesundheitsberufen besonders ankommt.

Frau Fendi, worum geht es beim Projekt INGE?

Wir sehen unsere zentrale Aufgabe darin, Menschen mit Migrationshintergrund für die Pflegeausbildung zu gewinnen und den Weg für eine gute Integration im Berufsleben zu ebnen. Dafür lernen Auszubildende mit und ohne Zuwanderungsgeschichte im Rahmen einer „integrierten interkulturellen Pflegeausbildung“ gemeinsam in einer Klasse. Im Austausch stärken beide Seiten ganz automatisch und durch eine pädagogische Begleitung ihre interkulturellen Kompetenzen. Es geht darum, zu schauen: Was bringt jede und jeder Einzelne mit? Und wie können wir damit miteinander lernen und arbeiten? Darüber hinaus gehören feste Einheiten zum Konzept, die dazu anregen, Pflege, Sprache und Soziokultur integrativ zu denken. Die schulischen Inhalte sollen nicht losgelöst von der Sprache vermittelt werden, sie wird direkt mitgefördert – im Unterricht, aber auch zusätzlich als Nachhilfe. Dabei ist auch wichtig, dass die Lehrkräfte dafür sensibilisiert sind, wie sie Sprache verwenden und wie sie mit kultureller Vielfalt umgehen. Und auch im Praxisanteil der Ausbildung brauchen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte Unterstützung, zum Beispiel wenn es um den besonderen Sprachstil in Dokumentationen geht. Um zu lernen, diese Inhalte gut zu vermitteln, haben wir ein dreitägiges Fortbildungskonzept erarbeitet – sowohl für die Pädagoginnen und Pädagogen, als auch für die Praxisanleiterinnen und -anleiter.

Worauf kommt es aus Ihrer Sicht bei der Integration in der Pflegeausbildung noch an?

Viele Menschen, die nach Deutschland kommen, wissen gar nicht, was Pflege in Deutschland ist und welche Möglichkeiten sich in der Pflege bieten. Da ist eine gute Begleitung wichtig. Mentorenprogramme bei den Ausbildungsträgern haben sich für uns sehr bewährt. Mentorinnen und Mentoren haben ebenfalls eine Zuwanderungsgeschichte und oft denselben Weg hinter sich, den die Interessierten eventuell gehen werden. Sie zeigen den Interessierten, wie die professionelle Pflege in den unterschiedlichsten Institutionen organisiert und gelebt wird. Sie holen sie mit ihren offenen Fragen und eventuell vorhandenen Ängsten durch eine geplante Unterstützung und Begleitung ab. Sie sind Vorbilder und zugleich Mutmacher, die zeigen, dass die Interessierten ihre Ziele erreichen können. Wenn Menschen mit Zuwanderungsgeschichte nach ihrer Ausbildung vielleicht sogar selbst Mentorinnen und Mentoren werden, entsteht mit der Zeit ein großes Unterstützungsnetzwerk. Und über das Weitertragen von Informationen lassen sich immer mehr Menschen für die Ausbildung gewinnen.

Was ist der Schlüssel, damit das gut funktioniert?

Das allerwichtigste ist, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Sie individuell zu stärken bedeutet, die mitgebrachten Kompetenzen anzuerkennen und jene weiterzuentwickeln, die wichtig sind, um in der professionellen Pflege arbeiten zu können. Eine einzelne Maßnahme kann noch so gut sein. Wenn das Gesamtkonzept nicht stimmt, bringt sie nicht viel. Kern eines schulischen Gesamtkonzepts, und das ist mein Schwerpunkt in diesem Projekt, ist es, Pflege, Sprache und Soziokultur integrativ zu denken, konzipieren und im Unterricht umzusetzen, um eine nachhaltige betriebliche und gesellschaftliche Integration von Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte zu ermöglichen. Hierfür ist es notwendig, dass die Lehrenden, die Praxisanleitenden die Auszubildenden sowie ganze Teams im Rahmen des Betrieblichen Integrationsmanagements im Prozess mitinvolviert werden. Die hierfür benötigten Integrationsinstrumente sollten an diesen Stellen anknüpfen und umgesetzt werden. Damit in der gelebten Praxis Empathie, gegenseitige Wertschätzung, Respekt und Anerkennungen des Anderen in seinem Sein auch tatsächlich gelebt wird. Es kommt auf die gesamte Bildungskette und vor allem auf die Übergänge an, wie sie gestaltet und gelebt werden.

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